Grundsatzdokumente

Anlässlich der Wahl zum Europäischen Parlament am 25. Mai 2014 stellt der Verband Deutscher Privatschulverbände e.V. (VDP) Kernforderungen für eine Verbesserung der gemeinsamen Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik in Europa auf:

Jugendarbeitslosigkeit
In den letzten Jahren hat die Jugendarbeitslosigkeit in vielen EU-Mitgliedsstaaten dramatisch zugenommen. Im Dezember 2013 waren in der Eurozone 23,9 Prozent aller unter 25-Jährigen arbeitslos, in Griechenland lag die Quote bei 59,2 Prozent, in Spanien bei 54,3 Prozent, in Italien bei 41,6 Prozent. Vor diesem Hintergrund ist es dringend erforderlich, die Berufsausbildung EU-weit zu stärken und in ausreichendem Umfang Ausbildungsmöglichkeiten bereitzustellen, die an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausgerichtet sind.

Nach Ansicht des VDP ist es hierfür notwendig, die individuelle Lernmobilität im Rahmen von Ausbildungsaufenthalten im Ausland noch stärker zu fördern. Junge Menschen müssen unabhängig von ihren finanziellen Lebenssituationen die Möglichkeiten erhalten, ihre beruflichen Qualifikationen durch Lernaufenthalte im EU-Ausland zu verbessern. Weiter schlägt der VDP vor, grenzüberschreitende Ausbildungsverbünde mit staatlichen und privaten Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung zu fördern. So können Jugendliche den Auf- und Ausbau eines breit angelegten Theoriewissens mit vielfältigen Praxiserfahrungen und berufsnahen Kultur- und Sprachkenntnissen verbinden.

Fachkräfteförderung im Pflegebereich
Die europäische Bevölkerung lebt immer länger. Die Zahl der über 80-Jährigen soll Prognosen zufolge bis 2060 auf 62 Millionen Menschen ansteigen. Daraus resultiert in ganz Europa eine steigende Nachfrage nach Fachkräften in der Langzeitpflege. Gleichzeitig wird die EU-Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis 2060 um mehr als 14 Prozent abnehmen, weshalb das Arbeitskräfteangebot hinter dem Bedarf in der Langzeitpflege zurückbleiben wird. Europa braucht mehr und gut ausgebildete Pflegefachkräfte. Hier sind nach Ansicht des VDP von Seiten der Europäischen Union Programme und Initiativen gefordert, um die Attraktivität und den Status des Pflegeberufes spürbar aufzuwerten. Zudem müssen die EU-Staaten die gegenseitige Anerkennung von Kompetenzen und Qualifikationen der Pflegefachkräfte stärker als bisher vorantreiben.

Weiterbildung von Geringqualifizierten
Jeder fünfte Erwachsene Europäer verfügt nicht über hinreichende Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten, sogar jedem vierten Erwachsenen in der EU fehlen notwendige Computerkenntnisse. Innerhalb der Gruppe der Arbeitslosen liegt der Anteil an Geringqualifizierten noch deutlich höher. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der PIAAC-Studie (Programme for the International Assessment of Adult Competencies), die im letzten Jahr die Kompetenzen von Erwachsenen untersucht hat. Darüber hinaus belegt die Untersuchung, dass höhere Grundkompetenzen zu mehr Teilhabe am Arbeitsmarkt und höheren Einkommen führen. Damit wird  deutlich, welche zentrale Bedeutung das Vorhandensein von Grundkompetenzen für den individuellen Arbeitsmarkterfolg hat.

Vor diesem Hintergrund fordert der VDP die Einrichtung eines eigenen EU-Förderprogramms zum gezielten Abbau der hohen Anzahl an Geringqualifizierten in der EU. Im Rahmen eines solchen Programms sollten insbesondere die Vermittlung von Grundkompetenzen und die Stärkung der Weiterbildungsbeteiligung von Geringqualifizierten gefördert werden. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass die EU-Mitgliedsstaaten Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds für entsprechende Maßnahmen in einem viel zu geringen Maße genutzt haben.

Bürokratieabbau und gleiche Wettbewerbschancen
Die EU fördert durch unterschiedliche Programme wie beispielsweise Erasmus+, EFRE und den Europäischen Sozialfonds die Entwicklung des europäischen Bildungs- und Ausbildungsraumes. Viele nationale und transnationale Projekte werden mit Hilfe dieser Mittel realisiert. Dennoch zeigt sich in der Praxis regelmäßig, dass der hohe bürokratische Aufwand der Programme ein Hindernis darstellt, erfolgversprechende Konzepte zu realisieren oder bereits erfolgreiche Projekte fortzusetzen. Auch führen die umfangreichen Vorgaben und Richtlinien bei der EU selbst zu unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwendungen. Deshalb fordert der VDP, entsprechend der Initiative „Regulatory Fitness and Performance Programme“ der Europäischen Kommission, eine Vereinfachung der genannten Programmen mit der Überregulierung begegnet, Vorschriften verschlankt, Aufwand für Unternehmen reduziert und die Rechtsanwendung erleichtert werden sollen.

Des Weiteren ist es ein Anliegen des VDP, dass die Europäische Union bei ihren Förderrichtlinien dafür Sorge trägt, dass nicht nur staatliche Einrichtungen Fördermöglichkeiten erhalten. Dies ist derzeit nicht in jeder Hinsicht gewährleistet. Einen Ausschluss von privaten Einrichtungs- und Bildungsträgern ist aus Sicht des VDP mit dem europäischen Wettbewerbsrecht und dem Gleichheitsgrundsatz der EU nicht vereinbar. Beispielsweise müssen Mittel aus dem EFRE- und dem ELER-Fonds für die energetische Sanierung von Kita- und Schulgebäuden trägerneutral sowohl staatlichen als auch privaten Einrichtungsträgern zur Verfügung gestellt werden. Ebenso sollte sich das EU-Parlament für die Sicherstellung von gleichen Wettbewerbsbedingungen zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Bildungsanbietern in den Mitgliedsstaaten einsetzen.

Anerkennung von Bildungsabschlüssen und Einordnung von beruflichen Qualifikationen
Innerhalb der Europäischen Union haben sich die Situationen auf den nationalen Arbeitsmärkten in den letzten Jahren sehr unterschiedlich entwickelt. Staaten wie Deutschland, Schweden Belgien und Frankreich leiden in vielen Branchen zunehmend unter Fachkräftemangel. In den südeuropäischen Ländern haben sich hingegen die Arbeitslosenzahlen deutlich erhöht. Neben den Sprachbarrieren ist die unzureichende Anerkennung von nationalen Abschlüssen und Qualifikationen zwischen den Nationalstaaten weiterhin eines der Haupthemmnisse für eine größere Mobilität von Erwerbstätigen innerhalb der EU.

Der Europäische Qualifikationsrahmen, der mehr Transparenz über die Qualifikationen der europäischen Arbeitnehmer schaffen soll, wird zum Teil von den Nationalen Qualifikationsrahmen unterlaufen. Die kompetenzbasierte Einordnung von Qualifikationen ist nicht immer gewährleistet, wie das Beispiel der deutschen Assistenzberufe zeigt. Die erfolgte Einordnung in Stufe 4 widerspricht den Interessen der deutschen Schüler und Unternehmen. Deutschland stuft qualifizierte Fachkräfte in den Assistenzberufen unterhalb der in der Europäischen Union getroffenen Regelungen (Berufsanerkennungsrichtlinie) ein.

Deshalb fordert der VDP vom EU-Parlament, dass es sich für die Verbesserung der Anerkennung von Abschlüssen und Qualifikationen von Auszubildenden, Studierenden und Erwerbstätigen – einschließlich solcher Qualifikationen, die außerhalb der formalen Bildungssysteme erworben worden sind, einsetzt sowie die kompetenzbasierte und somit adäquate Einordnung von beruflichen Qualifikationen in den Deutschen Qualifikationsrahmen und damit in den Europäischen Qualifikationsrahmen sicherstellt. Nur so kann die Mobilität in Europa wirksam erhöht und dem Fachkräftemangel begegnet werden.

10.03.2014, VDP

pdfVDP-Positionspapier zur Europawahl als PDF